BackToThe60

Vorwort

May Your Song ALways Be Sung

Die Medien weltweit werden Dylans 60. Geburtstag zum Anlass nehmen, ihn als singer und songwriter zu feiern und als einen der bedeutendsten Künstler unserer Zeit zu würdigen. Für Dylan sicherlich kein Grund, seine Never Ending Tour zu unterbrechen. Er wird den Tag mit seiner Band - wenn nichts dazwischenkommt - irgendwo auf einer Bühne dieser Welt verbringen. Wo genau, war bei Redaktionsschluss noch offen.

Es versteht sich von selbst, dass die Mitglieder des internationalen Syndikats der Dylan-Deuter den Anlass nützen fortzuschreiben, was sie vor Jahren und Jahrzehnten bereits begonnen haben. Michael Gray, der sich auf dem Backcover seines Buches »Song & Dance Man. The Art ofBob Dylan« als »Weltautorität« in Sachen Dylan-Deutung feiern lässt, hat rechtzeitig zu Dylans Sechzigstem eine aktualisierte Neuauflage seines voluminösen Werkes herausgebracht. Der englische Dylan-Biograf Clinton Heylin, der es mit den Fakten nicht immer so genau nimmt, hat »Take Two« seines Buches »Behind the Shades« veröffentlicht. Und der Heidelberger Palmyra Verlag, bei dem schon die ersten beiden Bände von Paul Williams Werk über Dylan als »performing artist« auf Deutsch erschienen sind, bringt aus gegebenem Anlass »Bob Dylan. In eigenen Worten« von Christi an Williams (mit Paul weder verwandt noch verschwägert) heraus. Bei Alfred Knopf, Dylans amerikanischem Verleger, ist eine Neuauflage der »Lyrics« geplant. Doch das ist nur ein Gerücht. Eine Alnualisierung von Dylans Texten wäre allerdings fällig, denn was von seinen »Writings and Drawings« erschienen ist, schließt 1985 ab. (Ein neues Album zum Sechzigsten wird es mit Sicherheit nicht geben, es sei denn, man akzeptierte die soeben in Japan veröffentlichte Platte BOB DYLAN LIVE 1961-2000 als »neues« Album. Diese nach Firmenangabe »rare or previously unreleased tracks« wurden allerdings nach Kriterien zusammengestellt, deren künstlerische Logik sich erst nach mehrfachem Hören erschließt. Ich würde die Dokumentation eines bestimmten Konzerts - etwa der Never Ending Tour - vorziehen, und es fiele mir nicht schwer, eine Serie von Konzerten zur Auswahl vorzuschlagen. Aber bei der Veröffentlichung von Livemitschnitten hat Dylans Firma oft merkwürdige und schwer nachvollziehbare Entscheidungen getroffen. Damit muss man sich abfinden und mit dem begnügen, was veröffentlicht wird und für Käufer bestimmt ist, die sich weder als Spezialisten verstehen noch an die internationale Szene der Bootleg-Sammler angeschlossen sind. Sie bekommen drei traditionals, einen Woody-Guthrie-Song und zwölf Lieder in Dylans own writing zu hören. Zwei der sechzehn Songs wurden auf offiziellen Livealben - HARD RAIN und BEFORE THE FLOOD bereits herausgebracht. Von wegen rare or previously unreleased tracks. Doch das macht Sinn, wenn man davon ausgeht, dass diejenigen, die das Album zusammengestellt und die Auswahl getroffen haben, Dylans live performance in ihrer ganzen Vielfalt dokumentieren wollten. KNOCKING ON HEAVEN's DooR, in der Version von 1974 habe ich seit Jahren nicht mehr gehört. Der drive, mit dem Dylan und »The Band« diesen Song bringen, ist überwältigend. Und »rare« ist diese Version insofern, als Dylan in Abweichung vom offiziellen Textbuch aufBEFoRE THE FLOOD eine dritte Strophe hinzugefügt hat; Tm siek and tired 0/ the war ... Die lT AIN'T ME-Version von RENALDO AND CLARA ist ein Highlight des neuen Albums. Bedauerlich ist, dass es der ZDF/arte Redaktion nicht gelungen ist, die Rechte an diesem Film für ihre Lange Dylan Nacht im Mai 2001 zu erwerben. Versucht hat sie es.)

Die Londoner Musikzeitschrift »Q« hat mit einem Dylan gewidmeten Heft den Reigen der Sonderausgaben von Periodika eröffnet, die in Zürich erscheinende Zeitschrift »DU« wird ihn in ihrer Maiausgabe fortsetzen. ZDF/arte strahlt einen Film von Gerold Hofmann »Knocking on Dylans Door. Begegnungen mit Bob Dylan« aus, und Willi Winkler wird im Frühjahr 2001 seine Dylan-Biografie »Bob Dylan. Ein Leben« veröffentlichen. Diese Zusammenstellung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

»Back to the Sixties - Bob Dylan zum Sechzigsten« ist ein Update meiner vor zehn Jahren im Konkret Literatur Verlag unter dem Titel »The Never Ending Tour« erschienenen Sammlung von Artikeln und der gemeinsam mit Uwe Heidorn verfassten Plattenkritiken. »Back to the Sixties - Bob Dylan zum Sechzigsten« ist auch der Titel einer dreistündigen Radiosendung, die das DeutschlandRadio und der Deutschlandfunk in einer »Langen Nacht« ausstrahlen werden. Dabei wird auch die deutschsprachige Uraufführung eines Hörspiels von Sam Shepard »True Dylan. Stück in einem Akt, wie es sich an einem Nachmittag in Kalifornien wirklich ereignet hat« mit Michael Altmann als Bob und Dietmar Mues als Sam zu hören sein.

BackToThe60

Auf seiner ersten Tour in die Bundesrepublik Deutschland 1978 - in die DDR kam er erst neun Jahre später - war ich Zeuge eines Zwischenfalls in der Berliner Deutschlandhalle, den ich als deja-vu-hafte Wiederholung jener Tumulte erlebte, denen Dylan und »The Band« Mitte der 60er Jahre in den USA und in England ausgesetzt waren. In Berlin wurden Gegenstände auf die Bühne geworfen. Ich war, weil Fritz Rau, Dylans deutscher Veranstalter, mich eingeladen hatte, die Tour von Dortmund bis Paris zu begleiten, Dylans Gesprächspartner beim Versuch, die Motive der Protestierer zu ergründen. Auf das, was ihn und seine Band auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg erwarten würde, - im Tourplan war als Spielstätte »Zeppelinfield« eingetragen -, habe ich ihn und seine Begleiter auf der Reise nach Nürnberg in einem Sonderzug der Deutschen Bundesbahn vorbereitet. Über diese Reise berichte ich im ersten Abschnitt des Buches. In den zehn Jahren zwischen seinem fünfzigsten und sechzigsten Geburtstag habe ich, wie schon in den Jahren davor, Dylans Entwicklung verfolgt, viele seiner Konzerte all over Europe gesehen und unzählige als Mitschnitte gehört. Wer die in diesem Band gesammelten Kritiken und Aufsätze liest, wird schnell feststellen, dass ich manches, was Dylan veröffentlicht hat, misslungen finde, und dass ich ihm auf seinem Trip in den religiösen Fundamentalismus, von dem er Gott sei Dank -längst zurückgekehrt ist, nicht folgen konnte und nicht folgen wollte. Wirklich überrascht von diesem »Fehltritt« war ich aber nur für einen kurzen Augenblick. Denn schon bald begann ich zu verstehen, dass Dylan auch in dieser Phase seines Lebens, die künstlerische Kraft nicht verloren hatte. Auch wenn es ihm nie wirklich gelungen ist, den Gospelton so zu treffen, wie er den Blueston trifft, hat er auch in der Zeit seiner Jesusobsession einige großartige everlasting Songs geschrieben.

Ich gehöre zu denen, die es als einen Glücksfall ihres Lebens betrachten, Zeitgenosse Dylans zu sein. Dylan war und ist in seiner ganzen Widersprüchlichkeit eine Quelle der Inspiration. Seine Stimme dringt in emotionale Bereiche vor wie keine andere männliche Stimme, seine Songs spiegeln den Prozess des eigenen Alterns, dessen Schmerz und Melancholie, seine Wahrnehmung der Realität deckt sich in vielen Bereichen mit der meinen. Auch teile ich das Gefühl der Bedrohung, das in vielen seiner Lieder durchklingt, wenn es um den Zustand des Planeten geht und den der Menschen, die ihn bevölkern.

Zum Geburtstag kann man Dylan nur wünschen: May your song always be sung, And may you stay.

Hamburg, März 2001