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Konkret 05/86, S. 66
Günter Amendt
Live is Live - The Rockpalast is Tot
Und wieder ist ein Stück Landschaftszerstörung zu melden. Mitte März wurde in Essen auf dem Gelände der Großen Ruhrländischen Gartenbau-Ausstellung der »Rockpalast« abgerissen. Ein folgenschwerer Eingriff in die Medienlandschaft, ein »weiterer Schritt in die 'Wende'«, wie die »Grünen«, von der Nachricht »getroffen, wütend und traurig«, in einem Fernschreiben an »die lieben frauen und maenner vom rockpalast« vermuten.
Wer politische Gründe für die Absetzung unterstellt, liegt bestimmt nicht schief. Das paßt immer und ist deshalb immer auch etwas banal. Jugendkultur und Kreativität, Power und Protestpotential, Lebensgefühl und Grenzüberschreitung, Sehnsüchte und Hoffnungen, Buntheit und Minderheiteninteressen, die »Grünen« haben alles aufgelistet, was jugendsoziologisch zum Thema zu sagen ist. Daß live-Sendungen unkalkulierbare Risiken in sich bergen, und daß alles »was nicht kontrollierbar, nicht 'fest im Griff' ist« abgewürgt wird, auch die Feststellung stimmt und ist doch nicht einmal die Hälfte der Wahrheit.
Fangen wir an bei den »Fehlern«, die auf das Konto der Redaktion gehen. Der Niedergang des »Rockpalast« wurde sichtbar und fühlbar mit dem Abgang von Alan Bangs als Moderator. College-boy Alan war im Laufe der Jahre in die Rolle eines Mr. Rockpalast Man gewachsen. Seine Kompetenz und Souveränität als frontman gaben der Sendung einen unverwechselbaren Akzent. Bangs war der eigenständige Beitrag des Veranstalters zu einer eingekauften Show. In einem Konzept, das ganz auf team-work setzte, mußte das zu Reibungen führen. Ein Wort noch zu Albrecht Metzger, dem Co-Moderator. Sie erinnern sich? Eben. Der Mann hat mit seinem »German Television Proudly Presents« Mediengeschichte gemacht. Bangs und Metzger haben das Krimiklischee vom guten und vom bösen Bullen in die Moderatorenzunft übertragen. Auf Metzger wurde übel herum gehackt. Auch von hier, auch von mir. Aber ein Typ, an dessen Sprödigkeit und Sperrigkeit man sich noch heute erinnert, kann in einem Medium, das den Zuschauer fast nur noch mit gesichtslosen Wesen konfrontiert, so schlecht nicht gewesen sein. Evelyn Seibert und Ken Janz hatten gegen die beiden einen schweren Stand und kaum eine Chance. Man nahm sie immer als Ausgetauschte und damit als immer austauschbar wahr.
Als es dann dem Ende entgegen ging und zum guten Ton gehörte, über den »Rockpalast« herzuziehen, stritt man sich vor allem über den Geschmack des Produzenten Peter Rüchel. Als besonders streitlustig erwiesen sich einige Jugendfunkmoderatoren, die den Charts-Mist, den sie täglich verbreiten helfen, unbedingt in den Rocknächten wiederhören wollten. Ich sage nur Ku Ja Wa und jeder im Ausstrahlungsbereich des NDR weiß, wovon ich spreche. Dumme Mikronuckler, hibblige Karriereristen und ambitionierte Infantilos, die mit leeren Augen und hohler Stimme Zuschauer und Zuhörer nerven.
Von den Programm-Alternativen, welche die Kritiker des »Rockpalast«-Konzepts vorschlugen, fallen die meisten mangels Masse aus. Oft behauptet sich in den aktuellen Charts, was gerade einen Hit zusammengebracht hat und Füllmaterial für die LP drumherum. Das ist auf einer live-Bühne nicht lebensfähig.
In den Anfangsjahren des »Rockpalast-Festivals« gab es zu fast jeder Gruppe eine oder mehrere denkbare Alternativen. Da muß sich eine Redaktion entscheiden, da müssen in einem Geschäft mit gigantischer Logistik Kompromisse geschlossen werden, da wird die zweite Wahl auch mal zur ersten, weil die erste gerade auf Tour, im Studio oder zerstritten ist. Im übrigen verliert das beliebte Spiel »Einmal Programmdirektor sein« schnell an Reiz, wenn man sich die Spielregeln etwa genauer betrachtet.
Eine ARD-Rocknacht mußte europaweit Anklang finden - Eurovision. Sie mußte von Flensburg bis Garmisch akzeptiert werden - Einschaltquoten. Sie mußte am Veranstaltungsort selbst auf Publikumsinteresse stoßen - Kartenverkauf. Der Weg in den Abstieg begann, als diese Konditionen nicht mehr unter einen Hut zu bringen waren. »Rockpalast«Konzerte wurden kalkuliert wie stinknormale Konzertveranstaltungen. Das mag auf den ersten Blick nicht einleuchten. Warum drängt man die Redaktion auch noch in die Rolle eines Veranstalters, warum wird das Unternehmen »Rockpalast« mit europaweiter Ausstrahlung nicht einfach subventioniert? Die Antwort ist simpel. Der »Rockpalast« als live-Ereignis brauchte mehr als nur eine volle Halle und ein ausverkauftes Haus. Er brauchte ein Publikum. Das konstituiert sich unter den gegebenen Bedingungen am besten über den Markt.
Als der »Rockpalast« noch vom Reiz des Neuen lebte, waren viele einfach nur dabei, um dabei zu sein. Karten wurden angeboten und abgenommen, bevor noch die Gruppen gebucht waren. In mancher Nacht wurde man so Zeuge des heroischen Kampfes einer Gruppe um die Aufmerksamkeit des Publikums. Einige gingen dabei unter. Die Konditionen sind so verzahnt, daß ein herbeisubventioniertes Publikum ebenso zum Risiko wird wie ein abwesendes. Wenn ein Ruben Blades in das schwarze Loch der leeren Halle singen muß, dann bringt er nicht viel. Wenn er wenig bringt, dann bringt auch das Publikum nichts, was wiederum Ruben Blades dazu bringt, noch weniger zu bringen. Der Zuschauer am Bildschirm denkt sich, das bringt's nicht. Und schaltet ab. So lief es in Reinkultur während der Oktober-Rocknacht 1985 vor den Augen von 1200 zahlenden Zuschauern und zwei Prozent des Fernsehpublikums ab. Ruben Blades war als top-act vorgesehen und als Hallenfüller die »Rodgau Monotons«. In jeder Hinsicht ein Fehlgriff. Blades vermochte die ihm zugedachte Rolle nicht zu übernehmen, weil er einem Massenpublikum nicht bekannt (genug) ist, und die »Rodgau Monotons« vermochten jenseits der hessischen Landesgrenze, anders als »Bap« in der folgenden Rocknacht, die kids nicht aus ihren Löchern zu locken. Das ganze Programm, dessen Verlauf in den Absetzungsbegründungen des WDR eine wichtige Rolle spielen sollte, war eine einzige Verlegenheitslösung. Mit den »Rodgau Monotons« hatten sich Rüchel und Wagner erstmals wirklich krass in den Dimensionen vergriffen. Das war nichts, was man europaweit hätte vorzeigen dürfen.
Womit wir kurz einen Nebenkriegsschauplatz betreten, auf dem ein gegen Rüchel und Wagner gerichtetes Standardargument zum Einsatz kommt. Von interessierter Seite - von Musikern, Veranstaltern und Plattenfirmen- wurde den beiden nämlich vorgeworfen, sie berücksichtigten deutschsprachige Gruppen nicht oder zu wenig. Das ist nicht wahr. Das war nie wahr. Was Rang hat und Namen in der Bundesrepublik war, von wenigen Ausnahmen abgesehen, im »Rockpalast« vertreten und wurde ziemlich breit gestreut in den dritten Programmen ausgestrahlt. Dahin gehörte es und nicht vor ein internationales Publikum, auf das die Kritiker spekulierten. Deutsch-Rock: hat sich jemals jemand Gedanken darüber gemacht, wie das klingt in den Ohren unserer europäischen Nachbarn? Bei der »Fehler«-Suche verrennt man sich jedoch schnell, wenn man nur in den Papierkörben der Fernsehredaktion herumstochert. Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist in der Verkaufsstrategie der Unterhaltungsmultis eine neue Funktion zugedacht. Sie hat mit der Entwicklung der Produktivkräfte in der Unterhaltungselektronik zu tun und den Eigentumsverhältnissen. Es war das Fernsehen, das die Visualisierung der Rock-Musik besorgte, nicht der Film, der immer nur zeigt, was schon populär, und nur verstärkt, was bereits bekannt, anerkannt und verkauft ist.
Christian Wagner, beim »Rockpalast« für das Bild verantwortlich, folgte einem denkbar einfachen Konzept: Nichts aufbauschen, nichts aufmotzen. Dem, was auf der Bühne geschieht, künstlich nichts hinzufügen. Keine Hektik. Entwicklung zeigen. Ruhige Bildführung. Kein Spektakel. Heraus kamen eindrucksvolle Studien 'des Künstlers bei der Arbeit'. Am Ende dann Festlichkeit, falls und wenn die Arbeit gelang.
Nie wurde im »Rockpalast« der Versuch unternommen, etwas zu verkaufen. Auch die Moderatoren verfielen nie in den Tonfall von Verkaufsgesprächen, keiner führte sich auf wie jene Ladenschwengel, die »Solid Gold«, »Rockpop« oder die »ZDF Hitparade« moderieren oder sich in unzähligen Radioprogrammen als Marktschreier betätigen. Doch die Entwicklung geht in diese Richtungen. Neben dem leicht verkäuflichen Hochglanzprodukt wirkte der »Rockpalast« nun wirklich reichlich antiquiert. Die Musikindustrie hat die optische Seite des Gewerbes 'entdeckt' und den Kampf ums Bildmonopol eröffnet. Der Abbruch des »Rockpalast« macht einen weiteren Programmplatz frei in der Clipsmühle. Jeder künstlerische Einwand oder gar Widerstand gegen diese Entwicklung wird niedergebügelt. Das Geschäft entwickelt sich in einer unaufhaltsamen Dynamik. Von unten werden Gruppen nachgeschoben, die voll programmiert sind auf das Musik-Video-Konzept der Unterhaltungsindustrie: »Man kann gute Sachen machen mit Videos, aber inzwischen wird alles so marktgerecht verpackt. Wenn eine Band einen Vertrag unterschreibt, dann bestimmt danach der Direktor der Videoabteilung, wie sie ihre Haare tragen müssen«. Julien Tempel (Nuvox 4/86) muß es wissen. Als Filmmacher und Videoclipbastler gehört er zur Szene. Von da kommt auch der Druck auf die Etablierten.
Einige Altmeister wie Jagger, Dylan oder Townshend sperren sich zwar wortreich gegen die video-lastige Entwicklung der Rockmusik, doch auch sie widersetzen sich nicht, auch sie bedienen den Markt mit ihren visualisierten Werken.
Die Unterhaltungsindustrie setzt auf Supertechnisierung. Auf dem Weg dahin ist sie den Umsetzungsmöglichkeiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehen enteilt, und entschlossen nutzt sie den 'technischen Vorsprung', um die Musikszene gründlich umzukrempeln. Anglo-amerikanische Popmusik, über den euro-top-Markt reingepumpt, dominiert wie zu Beginn des Rockzeitalters die Charts. Wer da im Kampf uni Spitzenplätze mithalten will, ist gezwungen, englisch zu produzieren wie der Österreicher Falco oder die norwegische Formation »a-ha«. Das bringt auch bundesdeutsche Rockmusiker in Zugzwang. Um wenigstens national im Bild zu bleiben, gehen Ina Deter und Klaus Lage in die »ZDF-Hitparade« und die »Rodgau Monotons« zu Kuhlenkampff, während »Bap« bei Frank Elstner aufspielt. Lindenberg hat sich in dem Umfeld schon immer aufgehalten. Der Preis: Wer gestern noch live-Auftritte oder wenigstens doch live-Mitschnitte zur Bedingung machte, läßt sich heute auf halbplayback ein und wird morgen beim totalen playback-Betrug gelandet sein. Das ist nur konsequent, denn die im Studio eingespielten Originalversionen ihres Repertoires sind technisch oft so aufgepäppelt, daß sie live entweder überhaupt nicht oder nur bei starkem Qualitätsabfall reproduzierbar sind; Qualität steht hier für technisch einwandfreie Wiedergabe. Darauf seien die meisten Fernsehstudios nicht eingestellt, es fehle an eingespielten Teams, die nicht annähernd im Fernsehstudio herstellen können, was Studiostandard ist. Das behaupten fast alle bundesdeutschen Rockmusiker. Dann lieber gleich playback, sagen sie: Ulla Meinecke wie Ina Deter, Herwig Mitteregger wie Wolfgang Niedecken. In der Falle zappeln sie alle.
Das Ende des »Rockpalast« ist auch das Ende eines Stücks live-Kultur, der von oben die Luft genommen und von unten das Wasser abgegraben wird. Selbstverständlich gibt es national wie international immer noch Gruppen, die auf der Bühne nicht in ihre technischen Bestandteile zerfallen. Es fehlt aber an konsensfähigen topacts. Die meisten livefähigen Gruppen polarisieren das Publikum. Sie eignen sich nicht für Großveranstaltungen. Der »Rockpalast« war sanierungsbedürftig. Zuviel hat sich in den zehn Jahren seit seiner Gründung verändert. Umbau statt Abriß.
Pete Townshend sieht den Rock'n Roll in einer Phase der Bedeutungslosigkeit. Vielleicht befindet er sich auch nur in einer Strukturkrise. Es wäre jedenfalls Aufgabe des Fernsehens und entspräche auch dem Programmauftrag, gerade dann und gerade jetzt, die Rockkultur zu stützen und zu fördern. Doch man entschied sich beim WDR für den Würgegriff, und das ist ein Politikum. So bleibt zum Schluß nur die Aufforderung, sich von den Plätzen zu erheben: »Peter Rüchel, Christian Wagner und das »Rockpalast«-Team haben sich um den Rock'n'Roll verdient gemacht.«
Wir kommen zum nächsten Punkt der Tagesordnung.


Mit Dank an das Konkret-Magazin für die Texte