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Konkret 04/84, S. 74
Günter Amendt, Uwe Heidorn
Bob Dylan
über des Sängers neuen Glauben
Als politische Leitfigur ist Bob Dylan nie ganz koscher gewesen. What's good is good/what's bad is bad, in dieser Hinsicht blieb er immer ein Mängelwesen, nach (fast) allen Seiten offen, von (fast) allen Seiten angreifbar, bis er sich fundamental-religiös einbetonierte, und man seine Mauern nur noch mit seinen Widersprüchen besprühen konnte. I'm liberal, but to a degree, das scheint sein politisches Credo zu sein. Schon zum ersten World War hatte er nicht viel mehr zu sagen als the reason for fighting I never did get. Vom Zweiten Weltkrieg ist ihm nur in Erinnerung, it came to an end. Möge also niemand jetzt eine Erklärung erwarten, warum es zum Dritten kommt.
Dennoch: Infidels, Dylans neue Platte, ist offen und ausgesprochen politisch - darin vergleichbar mit »The Times They Are A-Changing«, twenty years ago. Es ist die Offenheit des vagabond, der mit »I'm ready to go anywhere« ernst macht und dabei in seinen Sternstunden phantastische Weiten erreicht. Es ist auch das offene Geständnis an seine Frau, die er liebt: »I need you!« Und Bobs politisches Weltbild ist wieder ergreifend klar: At's a shadowy world, skies are slippery grey.« So heißt es im »Jokerman«. Aber wer ist Jokerman? Ist es Mr. Tambourine Man, von dem man bis heute nicht weiß, wer er ist? Von dem wollte Bob nichts anderes, als daß er einen song für ihn singe, von diesem nun will er, daß er im Mondschein nach dem Gesang der Nachtigall tanze.
Viele Texte auf der neuen Platte sind schockierend gut; es begegnen uns alte und neue Dylan-Typen: two men on the platform, fools and angels, false hearted judges, sogar ein blue eyed boy und Jackie P's mind. Da ist the strange woman, the woman of shame, a woman who looked like you, aha, a woman on my block-girls, girls, girls,' es wimmelt von woman. Und allen voran jener Jokerman, dieser man of the mountains, dieser dream twister, ein biblischer Charakter, wie schließlich jeder von uns.
Bob hat, den Feuerbach hinunter, die Dialektik von Erde und Welt wiedergefunden, deren Synthese einmal der Mensch sein wird, wenn nichts dazwischenkommt. Die Grundstimmung vieler Lieder ist ernst und bitter. Vorkriegszeit. Zu lachen gibt's da nichts. Aus dem apokalyptischen Zwielicht von Dylans Endzeitbewußtsein schimmert die objektive Lage hervor. Dylans Zeitmaschine hat wieder zu ticken begonnen. Das will was heißen, daß sich die Zeiten inzwischen so oft geändert haben, daß viele nicht mehr wissen, wie spät es eigentlich ist. »Only a matter of time till night comes stepping in«, sagt Jokerman Bob. Ja, leider. Dylan erkennt Schlagstöcke, Wasserwerfer, Tränengas, Schlösser und Riegel, Molotow Cocktails und »rocks« hinterm Vorhang. Er stellt politische Forderungen, die auch wir stellen: Weg mit den Minenfallen und Raketen! No more booby traps and bombs. Und vor allem anderen: No more decadence and charm.
This world is ruled by violence, und es sind die Millionäre, die mit ihren Trommelstöcken den Takt angeben. Einer wenigstens schaute ganz schön blöd aus der Wäsche, when heplayed and we didn't dance.
Es ist nicht einfach, ihm immer und überall hin zu folgen. Neighborhood Bully ist ein harter Brocken und ein heikles Stück. Big Brother is watching you. Neighborhood Bully ist der Kerl, der seine Nachbarn tyrannisiert. Er ist Jude. Er ist der Jude. Hegot noplace to escape, no place to run. Er lebt, um zu überleben und wird dafür auch noch kritisiert und verdammt. He's wandered the earth an exiled man. Schließlich kehrt er nach Palästina zurück - ein Ort, der in Dylans Lied allerdings nicht auftaucht - und nimmt sich sein Land.
Doch his enemies say he's on their land. Welches Land aber meint Bob Dylan? Meint er Israel in den Grenzen seiner Staatsgründung, meint er Westjordanland und die Grenzen der Okkupation? Neighborhood Bully ist mehr als just one man. Er ist auch das Volk Israels. Dieses Volk ist bedroht: A license to kill him is given out to every maniac. Also verteidigt er sich um jeden Preis und mit allen Mitteln, indem er angreift. Then he destroyed a bomb factory/nobody was glad/the bombs were meant for him/he was supposed to feel bad. Neighborhood Bully, der Bösewicht der Region, ist - so sieht es Dylan - ganz auf sich allein gestellt. Wirkliche Alliierte, denen er vertrauen könnte, hat er nicht. Und die Waffen, die man ihm liefert, sind untauglich. Zwar lehnt man ihm keine Bitte ab - damit sind wohl die Amis gemeint - aber niemand sends flesh and blood to fight by his side.
Dylan als Lobredner von Israels Expansionismus? In seiner Lagebeurteilung ist er sich mit Begin einig. Jehova sei Dank, heißt das noch lange nicht mit dem Volk Israels. So knapp und so kurz wurde wohl kaum zuvor die staatliche Existenz Israels aus zionistischer Sicht legitimiert. Ein Politsong von seltener Eindeutigkeit. Die haben sich Dylans Kritiker immer gewünscht. Hier ist sie. Sollen sie sehen, wie sie damit fertig werden.
Zweideutig dagegen das Lied »UnionSundown«. Sein Thema: Massenarbeitslosigkeit, Produktionsstättenverlagerungen und Billiglohnländer. Dylan, der noch in »Slow Train Coming« versicherte, I don't care about economy, beginnt sich für die Bewegungsgesetze des Kapitals zu interessieren. Leider von der falschen, nämlich der Konsum- und nicht der Produktionsseite. Alles was er kaufe oder zu kaufen beabsichtige, werde überall sonst hergestellt, sei alles nur nicht Made in USA. Seine Taschenlampe komme aus Taiwan, das Tischtuch aus Malaysia, das Hemd von den Philippinen, und sein Chevrolet sei in Argentinien zusammengebaut worden. Wahrlich, it's sundown on the union/And what's made in USA /Sure was a good idea - bis die Gier dazwischenkam. Was war einmal eine gute Idee? The union. Die Union der Staaten von Nordamerika oder die unions - die Gewerkschaften? Oder beide? Wen kritisiert er? Was kritisiert er? Which side are you on?
Gut, er kritisiert das System, nennt es beim Namen: You know capitalism ist above the law. Das kann man wohl sagen. »Was sich nicht verkaufen läßt, das zählt nichts. « Stimmt. (Kari Marx got you by the throat).«Democracy don't rule the world«, meint Bob, auch wenn er hinzufügt, man solle das vielleicht unausgesprochen lassen. In Reagans USA gibt es gute Gründe vorsichtig zu sein. Besonders, wenn man so klar wie Dylan den nicht endenwollenden Expansionsdrang des US-Imperialismus sieht: From Broadway to the Milky Way/ That's a lot territory indeed, und überall gibt es genügend Menschen, die ihre Arbeitskraft für »thirty cents a day« verkaufen. Denn der Mensch tut, was er tun muß, wenn er einen hungrigen Mund zu stopfen hat. Doch nun: Wer ist dafür verantwortlich? Warum ist das so? Was sind die Bewegungsgesetze? Dylans Antwort: »This world is ruled by violence.« Woher die Gewalt nun wiederum kommt, werden wir wohl erst im nächsten Grundkursus zur politischen Ökonomie erfahren. Solange Dylan zur Beschreibung der Wirklichkeit eigene Bilder und Metaphern benutzt, werden wir uns auf seine Bilderwelt einlassen und nicht selten staunend und gaffend davorstehen. Wenn er aber Begriffe der politischen Ökonomie ins Spiel bringt, muß überprüft werden, ob die Begriffe der Wirklichkeit standhalten.
In »Sweatheart like you« hat Bobby den Typ von girl am Wickel, dem er schon in »Like A Rolling Stone« die Leviten gelesen hat. Die Tochter aus gutem Hause, die sich unter die Leute mischt und von Bob gewarnt werden muß, weil man hinter ihrem Rücken tuschelt und zischt. They smile to your face but behind your back they hiss. Was, verdammt, is a sweatheart like you doing in a dump like this? Wieder eine dieser großen Dylanfragen wie »How does is feel?« oder »Where have you been?« Highway 84. »Man of Peace«, eine Gitarrenorgie, offenbart Dylans neues radikales Glaubensbekenntnis. Er glaubt an nichts mehr; absolutely nothing. Daher: Infidels. Jeder ist jeder, und alles ist möglich, you know, sometimes Satan comes as a man of peace. Look out your window, baby, da draußen steht einer mit ausgestrecktem Arm. Could be the Fuhrer, could be the local priest, derm sometimes Satan comes as a man of peace. Ob Dylan Reagan meint, der als Friedensmacher daherkommt und dafür seinen Nobelpreis bekommen - nein kriegen wird, bleibt offen. Belafonte jedenfalls nannte Haig, Weinberger und Reagan, der eine seine Raketenwaffen »peacemaker« taufte, devils.
Deshalb: Don't follow leaders und don't follow stars, auch nicht dem Stern von Bethlehem, the same one them three men followed from the east - auch Jesus könnte Satan sein.
Weil der Mensch die Erde beherrscht, denkt er, er könne mit ihr machen, was er will, nicht der Satan, sondern er hat die Licence to Kill. Seine Unschuld hat der Mensch verloren, als er seinen Fuß auf den Mond setzte. Aber da gibt es eine Frau, gleich bei mir um die Ecke, sie sitzt einfach da, während die Nacht aufzieht: She say who gonna take away his licence to kill? Mit seinem Zerstörungsdrang geht er zur Hölle. Er hat Angst und ist durcheinander. Man hat sein Hirn manipuliert, er opfert am Altar eines stockenden Wassers, und wenn er sein Spiegelbild sieht, ist er zufrieden. All he believes are his eyes/And his eyes, they just tell him lies. Er ist unfähig zu irgendeiner Art von fair play, he wants it alland he wants it his way. Doch immer ist da eine Frau, she say who gonna take away his licence to kill. Es ist der Mann - noisemaker, heartbreaker - der mit einer License to kill in der Tasche herumläuft. Es ist der Mann, den man einst verbogen und für das Leben zugerichtet hat, um ihn dann auf einen Weg zu schicken, wo er nur krank werden kann. Bis man ihn unter einem Sternenbanner begräbt und seinen Körper verkauft, wie man es auch mit Gebrauchtwagen tut. Es ist der weiße Mann, der Herrenmensch, von dem Dylan hier singt, der welcher die Erde ausbeutet und keinen Stein unberührt lassen kann. Wann endlich wird diesem Mann die Lizenz entzogen? Fragt eine Frau, eine Schwarze, gleich hier bei mir um die Ecke. »License to Kill«, eines der schönsten zeitgenössischen Friedenslieder.
I and I«, der Titel klingt nach einem Reggae-Thema, doch es geht nur um eine neue Variante von »It Ain't Me, Babe«. Persönlich sind alle songs auf der Platte, dies ist der intimste. Es ist das Lied vom ewigen Scheitern. Bobby, still fighting his twin, the enemy within.
Es ist lange her, da schlief eine Wahnsinnsfrau in meinem Bett, look how sweet she sleeps, how free must be her dreams. Doch das eine Ich sagte zum andern Ich: Mann, niemand hat dich erkannt. Da beschließt Bobby, I'll go out for a walk. Und als es Mittag wird, da treibt er sich noch immer auf der Straße herum - in den dunkelsten Ecken. Und noch immer barfuß.
Er verlegt sich aufs Reden, obwohl er weiß, »I ain't too good in conversation, girl«. Vielleicht verstehst du nicht genau, was ich empfinde. Also warte eine Minute, bevor du abhaust, girl, eine Minute, bevor du durch die Tür gehst. Können wir nicht über alles reden. Vor allem: »Don't Fall Apart From Me Tonight«. Laß mich heute abend nicht allein, ich glaube nicht, daß ich damit fertig würde. Come over here from over there, girl, setz dich hin, du kannst meinen Stuhl haben. Mir ist klar, ich hätte besser was Nützliches gelernt. Vielleicht hätte ich Arzt werden sollen, dann hätte ich ein paar Leben retten können, anstatt alle Brücken, über die ich gegangen bin, hinter mir abzubrennen. Yesterday is just a memory/Tomorrow is never what it's supposed to be. And I need you. Es ist der Höhepunkt der Platte: ein Einsamer. Alle Lieder sind mit der Sonnenbrille gesungen - und so sollten sie gehört werden. Dylan spielt Gitarre, Mundharmonika und Tasteninstrumente. Background-vocals: nobody außer Clydie King »Union Sundown«. Bobby wird angetrieben von einer Traumband: Robbie Shakespeare (bass). Sly Dunbar (drums/percussion), Mick Taylor (guitar) und Alan Clark (keyboards). Es ist Mark Knopflers Gitarre, die der Platte den unverwechselbaren Klang gibt.
Natürlich ist die Platte mal wieder ganz anders als all die anderen ganz anderen. Sie hat vieles von den vorausgegangenen: Die poetische Kraft und die Schattierungen von »Blonde on Blonde«, das Leiden und die Intimität von »Blood Ort The Tracks«, die Mystik von »Street Legal«. Von »Slow Train Coming« hat sieden hitparadierenden sound, von »Shot Of Love« hat sie vor allem die Abwärtsbewegung, und von »Raved« hat sie, was auf »Saved« fehlte. Vor allem hat sie schon etwas von der nächsten und übernächsten.
Verstehen wird die Platte nur, wer nicht vergißt, daß Dylan drüben bei den »so-called friends« lebt, daß er jedesmal, wenn er sich nach einem crossroad-sign umdreht, mindestens tausend Meilen und einen Morgen von jeder menschlichen Zivilisation entfernt ist.


Mit Dank an das Konkret-Magazin für die Texte